Rückblick auf die Akademiewoche für Insider*innen (2019)

Einen Rückblick zu schreiben, ist gar nicht so einfach. 

Sogar ein bisschen schwierig, denn worüber soll man schreiben?

Ich könnte zum Beispiel etwas über Raphael schreiben, der dieses Jahr konsequent den schmalen Weg wählte – die Via Cucina. Den Weg der süssen Versuchungen, welchen er auch konsequent erlegen ist. Es bleibt dabei ungeklärt, ob er dabei ...

... auch ein bisschen zugenommen oder mit der aufgenommenen Energie jeweils gleich wieder den Motor angeworfen hat.

Über Bernhard könnte ich schreiben, über den es dieses Jahr eigentlich gar nicht so viel zu schreiben gibt. Er hatte ja einen Assistenten dabei. Diesem durfte er einen grossen Teil der Last abgeben und dank diesem durfte er – weil älter und weiser – meist sitzend mitreisen. 

Ein bisschen wie Maria damals…

Oder über Achim, der morgens wie abends mit gleichbleibender Energie trillerte und trällerte – „dschääli“, gell, und schneller, gell, man weiss ja nie, und Bögen singen, gell. Und obschon er während der Woche bereits ein bisschen aus Bernhards Schatten hat treten können, leuchtete er im Konzert als Solo-Tenor grad noch ein – äh - wenig heller.

Ich könnte vielleicht auch über Theo schreiben? Theo, der den Spagat zwischen katholisch und reformiert ohne Sehnenriss überstanden hat, trotz grosser Spannungen. Seine Vision, einwandfreie Texthefte abzugeben, wurde zwischenzeitlich vom Schmerz über den unangenehmen Druck ein bisschen getrübt – es bleibt ihm jedoch die Hoffnung auf ein Wort mit Maria, dereinst. 

Über Christine könnte ich schreiben, die sich von Februar bis Mai wohl ein bisschen unbeliebt machen musste, indem sie die Tore der Sommerakademie für Frauenstimmen ebenso konsequent schloss wie einst Noah die Türen zur Arche. Und wie damals die Taube, so kehrte auch ihre hoffnungsvolle Suche nach zusätzlichen Tenören dieses Jahr noch erfolglos zurück.

  

Sollte ich über Andreas schreiben, wie er den historisch entstandenen Ablass-Handel am Beispiel des traditionellen Pausenbuffets jeweils ein bisschen aufrechterhält? Zahl oder back oder bring sonst etwas, dann geht’s dir gut! 

Über Urs gäbe es wie jedes Jahr vor allem den einen Glaubenssatz zu schreiben: 

Sola pecunia. Ja, gut, ein bisschen fotografiert und gesungen hat er auch noch.

Ich könnte natürlich über den Dirigierkurs schreiben, 

wo ein bisschen weniger zuweilen ein bisschen mehr ist:

ein bisschen weniger Alte = ein bisschen mehr Junge
ein bisschen weniger reden = ein bisschen mehr zeigen
ein bisschen weniger zweifeln = ein bisschen mehr vertrauen
ein bisschen weniger viervierteln = ein bisschen mehr rühren
ein bisschen weniger Tempo = ein bisschen mehr Regina
ein bisschen weniger Bewegung = ein bisschen mehr Schaumkuss

Oder über die Tenöre, die eben leider ein bisschen wenige sind, und die ihre Stimmen deshalb ein bisschen arg strapazieren müssen. Die – wie alle anderen auch – für nächstes Jahr noch ein bisschenmehr Werbung machen sollten, damit sie sich dann teilen könnten für ein doppelchöriges Werk.

Oder über die Frauen, die - wie erwähnt - schon im Februar das Anmeldeportal stürmten wie eine Amazonen-Armee, um nicht selbstverschuldet ausgemustert zu werden. Es wird gemunkelt, ein Aushebungsverfahren auf Diensttauglichkeit inklusive Kriegsgeschrei-Casting müsste noch entwickelt werden. Dieses Thema ist jedoch ein bisschen heikel, also lasse ich es lieber.

Über Maria sollte ich wohl schreiben, die bei der Verkündigung auch hätte NEIN sagen können. Also: streiken. Streiken – nicht stricken! Maria, die es sich mit ihrem JA dann aber verdient hat, das himmlische Patriarchat ein bisschen aufzumischen, dieses Jahr im Mittelpunkt unserer Akademiewoche zu stehen und für die himmlische Begegnung mit Theo schon mal den Kaffee aufzusetzen. Sicher gibt’s auch ein bisschen etwas Süsses dazu – Raphael weiss, wo!

Also, was soll ich jetzt schreiben? Ich muss mal noch ein bisschen überlegen…

 

Barbara Alig