Eine Passions-Geschichte für Insider (2018)
geschrieben in rechtwinkliger Sprache

Das Volk strömt in die Stadt am See. Es tritt ein in das Haus der Kirche.

Mehr als hundert Augenpaare blicken sich um.

Wen sucht ihr?

Die anderen Sängerinnen und Sänger. Mehr als hundert Blicke treffen sich.

Bist du nicht…? Bist du nicht…?

Ich kenne dich doch. Du warst doch auch schon hier. 

Du bist doch auch des Dirigenten Sänger einer. 

Mehr als hundert Hände werden geschüttelt, ein Kuss hier, eine Umarmung da.

Sei gegrüsset!

Nur einer, der fehlt. Der Magistrale, von welchem der Leiter geträumt hat, er käme. Namensvetter des Komponisten.

 

Die Uhr schlägt. Die Woche beginnt.

Der Präsident begrüsst das Volk. Der Leiter gestaltet das Einsingen.

Guten Tag. Alles klar? Zähne geputzt? Stadt gefunden? 

Die Bastelstunde zu Hause ist erledigt. Der Text klebt im richtigen Takt.

Das Werk ist vorbereitet, die Silben verteilt, die Töne erkundet.

Die Stimmen werden zusammengefügt. Wohlklang entsteht.

Nur einer, der die Harmonie durchbricht. Der Übeltäter auf der ersten oberen Hilfslinie.

Leiden schaffender Einzelgänger.

Er wird dem Dirigenten überantwortet. Dieser weicht zurück:

Nicht diesen, diesen nicht!

 

Die Studierenden erproben die Wirkung ihrer Passion:

Die Schulterfreie betritt in ihrem Kleid das Podest. Ein Raunen geht durch das Volk.

Der Bärtige ermittelt durch Würfeln, 

wes, wes, wes es sein soll.

Die Pharisäerin richtet sich auf und schlägt die Augenbrauen hoch. 

Dem Hämischen stehen die Haare zu Berge.

Die Unschuldige beruhigt die Menge.

Und einer im Hintergrund betet mit Schnapp-Atem: 

Herr, Herr, Herr! 

 

Pause. Der Logistiker preist sein Buffet an:

Weg, weg mit dem, weg, weg!!

Die Proben gehen weiter. Jeden Tag. Am Morgen, am Nachmittag, am Abend.

Dazwischen Freizeit. Im Volke erhebt sich Geschrei:

Wohin? Wohin? Wohin?

In die Stadt, in die Läden, in die Cafés? An, auf, in den See?

Alle sind frei. Freizeit - Freiheit, die ich meine.

Die Proben gehen weiter. Da und dort geht diesem oder jener ein Urlicht auf.

Und dann:

Das Werk ist eingeübt, theologisch gedeutet, musikalisch beoBACHtet.

Das finale Ereignis steht bevor.

Schlusskonzert.

Leidenschaft aus mehr als Hundert Kehlen.

Passion der leitenden Studierenden.

Dirigent und Leiter leiden im Hintergrund.

Es ist vollbracht.

 

Ruht wohl, ihr Sängerinnen und Sänger, und beweinet das Ende der Woche nicht weiter.

Lasst sie wirken.

Und meldet euch frühzeitig an für die Sommerakademie 2019.

Einer ist schon angemeldet, es ist….

Schreibe nicht, schreibe nicht…

 

Also gut. Jedoch:

Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.

Barbara Alig